Allgemein Jugendszenen leben

Ich trink mein Blut. Und du so?

„Aufstehen, Aufwachen, zu sich stehen, nicht weglaufen und sich fragen, Was tut mir gut? Was lieb‘ ich an mir? Was an meinen Freunden? Was an der Welt?“ so begründet man den „Mythos“, erklärt Till*. Den Mythos? Wie ein griechischer Mythos? Was zur Hölle ist der „Mythos“?

Es ist Freitagabend, 18 Grad. Wir sitzen hinter dem Saarbrücker Staatstheater. Alles  ist in gelbes Licht getaucht. Der Wind weht durch die Haare, als ich mich auf die Mauer setze, die den Tiblisser Platz von den unter uns liegenden Saarwiesen trennt. Unten läuft eine Ratte über den Weg.  Das Rauschen der Autos , die über die A620 auf der anderen Seite der Saar fahren, ist so laut, dass man manchmal sein eigenes Wort nicht versteht. Ich chille mit den „Alternativen“, jedenfalls nennen die Leute, die nichts mit ihnen zu tun haben, sie so. Einen Namen für ihre „Familie“, wie sie sich sehen, haben sie aber auch nicht.  Dass sie alternativ sind, und das anderen auch unmissverständlich zeigen wollen, stimmt aber.IMG_8268 Kopie

 

Als ich das letzte Mal bei ihnen war, hat sich Ben* noch eine Line Pep gezogen. „Wir machen das nicht so oft. Selten. Sehr selten.“ Er sitzt neben mir. Im Schneidersitz, die Hände im Schoß gefaltet, schaut er mich an und sieht mit seiner Frisur und dem stoppeligen Schnurrbart aus wie Yung Hurn. Ob er schon mal einen bad trip hatte, frage ich ihn. „Klar, einen bad trip hat man immer danach. Ich bekomme Schüttelfrost, mir ist schlecht, ich hab Kotzreiz und absolut keinen Hunger, obwohl mein Magen unglaublich leer ist.“ Jeder hat so was schon mal gehört. Die Scheiße kommt zum Schluss. Aber warum macht man sowas dann weiter? Vor allem mit 17? „Es ist einfach cool. Man ist wach und sehr gesprächig und schnell. Man macht viele Sachen. Man räumt zum Beispiel das ganze Haus auf. Und dann putzt man es noch bis in die letzte Ecke.“, erzählt er und ascht ab. Ihren Stoff bekommen sie von „gewissen Kontakten“, sie setzen sich Termine fest, an denen sie Drogen nehmen, manchmal macht er es auch allein. Wenn er sturmfrei hat zum Beispiel. Seit letzter Woche hat er aber aufgehört mit den Drogen. Für immer, sagt er.neu5

„Ich benutze mein Auftreten als Waffe. Ich provozier‘ gerne. Ich möcht‘ nicht so sein wie andere Menschen.“

Till und Ben reden an diesem Abend immer wieder von ihren „Waffen“. Von ihren Waffen gegen das System. „Es ist einfach immer dasselbe. Du gehst dem System hinterher. Du machst dies, du machst das, was im Hype ist. Du machst alles. Du ziehst dich so an, wie andere Menschen, hast immer die selben Sachen an. Und du machst einfach nicht so dein Ding, weil du dem System hinterläufst. Das System ist in meinen Augen halt schlecht, weil jeder Mensch gezwungen wird, was zu machen.“ Eine von Bens „Waffen“ ist sein Auftreten, sagt er. Er trägt fast jeden Tag die selbe Hose.

Die Jungs wollen zeigen, dass es noch etwas anderes als diesen ‚Mainstream-Scheiß‘ gibt.  Social Media ist dafür essenziell.  „Du hast einfach fast die ganze Welt in deiner Hand.“ erklärt Till. Ja, man kann so die ganze Welt erreichen, wenn man weiß wie. Ob sie wissen, wie, weiß ich nicht. Ich schaue mir die Instagram-Accounts von der „Familie“ an. Bilder von Till, wie er mit Kunstblut unter den Augen, in der Hand  und einem Drudenfuß auf der nackten Brust auf einem Kuhfellteppich liegt. Der Drudenfuß, 666 auf den Jeans und ihre Social Media Accounts zielen fast alle auf den Teufel. Sei es Luzifer oder eine Anspielung auf die Hölle im Namen oder ein Bild, wie das von Till. Überall sind Symbole. Sie tragen sogar Ringe mit satanischen Symbolen darauf.

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Ich spreche Ben auf die Bilder an, die ich im Internet gesehen habe. Ich frage ihn, ob sie sich beim Fotografieren nicht selbst manchmal denken, dass das, was sie machen schon sehr extrem ist. „Wir sind ja nicht vom Teufel besessen. Wir sind ja nicht in Trance, oder so.“ Keine Antwort auf meine Frage, aber das ist alles, was ich als Antwort erhalten werde. Also frage ich, ob Ben auch schon mal solche Bilder mit Kunstblut gemacht hat. „Ja, aber mit meinem eigenen. Ich hab sehr oft Nasenbluten. Ich hol‘ mir dann ein kleines Gefäß und fang es auf.“ Wenn es dann aufhört, nimmt er das Blut und malt damit  auf sein Gesicht. „Oder ich trink‘ das auch. Ich trink mein eigenes Blut. Ich mag den Geschmack von meinem Blut.“ Das ist schon krass, sage ich. Er sagt nichts und schaut mich an.

Es geht wieder um die Provokation, um die „Waffe“. Ben erzählt wieder von dem System, in dem wir leben, dem System, das uns vorschreibt, wie wir zu sein haben. „Das wird ne dicke Tüte“, wirft Jakob* ein, der sich gerade einen Joint baut. Er lacht. Ben redet weiter.

Als ich in dieser Nacht ins Bett gehe, kann ich nicht gut schlafen. Ich habe dieses beklemmende Gefühl im Bauch. Immer wieder muss ich an Ben und Till denken. Ich bin heilfroh, als es endlich Morgen wird. Um sechs Uhr bin ich wach. Ich habe Augenringe.

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Es ist Samstag Nachmittag. Mit einer Freundin bin ich auf dem Weg zu Till. Er will uns sein Zimmer zeigen.

Till wohnt im Keller. Das einzige Fenster, dass er hat, ist mit einem Tuch abgeklebt. „Ich benutze nur Kerzen. Ich mag kein Tageslicht. Kerzenlicht ist viel angenehmer als Tageslicht.“ Ich schaue mich um. Keine einzige Kerze brennt. Die Lichtquelle ist die Deckenlampe.

Wir sitzen auf einem Sofa und Sesseln. Über der Couch hängen Poster von Jim Morrison, Plattencover, Sprüche und Bilder mit Freunden. An der Wand pinnt auch ein Foto von einem Mädchen mit Braids. Mit Kulli wurde „Jerked on your Photo“ (dt: „Ich hab auf dein Foto abgespritzt“) auf das Bild geschrieben.  Schon eklig, denke ich mir.
Till legt eine Platte auf. Iggy Pop. Über seinem Bett hängt ein Kapuzenpulli, die Zahl 666 ist drauf gedruckt. Wir unterhalten uns über das „In-Schubladen-Stecken“ von Menschen, die man nicht kennt. „Ich gehe als schwul durch, als Transe. Ich hab schon alles gehört.“  Er erzählt, dass die Menschen immer Vorurteile haben, was bis zu einem gewissen Grad aus Selbstschutz Gründen auch wichtig ist, aber irgendwann geht es dann  zu weit.  „Wie viele über mich gesagt haben, dass ich auf Heroin bin.“ Wir wechseln das Thema.

Auf einem Regal sehe ich ein Jesuskreuz. Letzte Woche, hat er mir noch erklärt, dass er alle Religionen toleriert, außer Christen. Gott sei etwas, für Menschen ohne Selbstvertrauen, hat er gesagt. Und jetzt ist er selber Christ? „Nein! Jesus war nicht Gottes Sohn. Er war einfach ein krasser Prophet. Ein Kerl wie Kurt Cobain oder Ian Curtis. Einfach eine Person, die sich über Sachen mehr Gedanken gemacht hat, als andere.“

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„Ich glaube an nichts. Ich glaube an Till.“ sagt Till, wirft sich auf das Sofa und deckt sich mit einer Tagesdecke zu.

Ich frage ihn, ob alle Mitglieder der „Familie“, so ein Zimmer haben. „Nein“, meint er, „das hier, ist einzigartig.“ Es sei eine Ehre, dass wir in diesem Raum sein dürfen. Fast niemand darf in sein Zimmer.

„Wir sind nicht langweilig. Wir machen was wir wollen. Wir laufen im System, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Bis zu den Teilen, die wir frei gestalten können.“

Wie Ben, erzählt Till mir auch, dass er sein eigenes Blut trinkt. Es gibt ihm Kraft, sagt er.

Er holt eine Shisha und baut sie auf dem Beistelltisch vor der Couch auf. Er legt sich wieder hin, dieses Mal mit dem Shisha Schlauch in der Hand. Ich will ihn fotografieren. „Keine Fotos mit mir und der Shisha.“, das sei peinlich. „Leute, die solche Bilder von sich machen sind peinlich.“ Wenn ich will, kann ich ihn später fotografieren, wie er eine Zigarette raucht.

Der Plattenspieler verstummt. Till steht auf und nimmt eine neue Platte aus seinem Regal. Er spuckt drauf, wischt sie mit einem gelben Mikrofasertuch ab und legt sie ein. Mit Musik kennt sich Till aus. Eine der ersten Fragen, die er stellt, wenn er neue Leute kennenlernt, ist, welche Musik sie hören. Es sagt einfach so viel über den Menschen aus, erklärt er. Wir hören Jim Morrison. Er feiert Mac Demarco, war schon auf einem Konzert von ihm in Paris und fand es geil.

Wir fahren zusammen zurück in die Stadt. Till hört mit neuen Kopfhörern, die er sich bei einem Freund ausgeliehen hat, Musik. Wir treffen Ben und Jakob in der Bahn. Sie sitzen uns gegenüber und sehen aus wie normale Teenager. Sie sind normale Teenager. Teenager, die, obwohl sie manchmal ihr eigenes Blut trinken oder sich den Kopf mit Drogen zudröhnen, nette Menschen sind, mit denen man über alles reden kann.  Sie akzeptieren sich gegenseitig und lassen jeden so sein, wie er ist.

Manchmal wirkt es auf mich, als seien sie ein bisschen verloren, in einer Welt, die sie zu etwas formen will, dass sie nicht sind. Aber, dafür treffen sie sich. „Ich sehe es als meinen Job, Leuten, die irgendwie verloren sind, zu helfen. Sie zu inspirieren.“, sagt Till. Die „lost kids“ suchen einen Weg zu leben, ohne in eine Norm zu verfallen, die schlecht für den einzelnen Menschen ist.

„Die Welt ein bisschen bunter zu machen. Die Welt auf deine eigene Art und Weise kreativer zu machen. Dein Ding mit ins Leben zu werfen, dass andere Leute sich vielleicht ne Scheibe davon abschneiden und dann ihr eigenes Ding draus machen. Inspirieren. Für andere Menschen irgendwas zu tun. Scheißegal, was, aber halt Inspiration.“ Das ist der Mythos, ihre Lebenseinstellung. Was an dieser Ideologie mythisch sein soll und ob sie mit ihrem Verhalten ihre „Ziele“ erreichen, ist mir nicht klar, aber sie regen zu Gesprächen an. Auch wenn man danach ein beklommenes Gefühl im Bauch hat.

*alle Namen geändert

 

 

 

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